Die Willkür des Drogenkriegs

Welche Drogen legal und welche verboten sind, hat sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert: je nach kulturellem Kontext, moralischen Vorstellungen und finanziellen sowie machtpolitischen Interessen der Herrschenden.

Drogenpolitik war – und ist – dabei immer auch ein Instrument der sozialen Kontrolle und Ausgrenzung: Verbote richteten sich häufig explizit gegen sozial schwächere Bevölkerungsgruppen, während wohlsituierte Kreise nicht belangt wurden. Gesundheitliche Überlegungen spielten in der Ausgestaltung der Drogenpolitik eine untergeordnete Rolle oder waren vielfach blosser Vorwand für eine auf Diskriminierung abzielende Politik.

Wie es zum Drogenverbot kam

Das internationale Drogenkontrollregime, wie wir es heute kennen, nahm seine Anfänge Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich im Westen vor dem Hintergrund des Kolonialismus die «Opiumfrage» entwickelte und zu einer Anti-Opium-Bewegung führte. Im 20. Jahrhundert wurden immer weitere psychoaktive Substanzen ins Visier genommen und gegen deren Produktion, Verkauf und Konsum mit einer Kette von internationalen Verträgen vorgegangen. Der «war on drugs», wie er schliesslich 1971 vom US-Präsidenten Richard Nixon ausgerufen wurde, ist der längste Krieg, den die internationale Gemeinschaft je geführt hat.

Opium

Auftakt zur weltweiten Drogenprohibition

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Die erste Opiumkonferenz von 1912 stellt den Auftakt zur weltweiten Drogenprohibition dar. Ausgangspunkt dieser Entwicklung sind zum einen die beiden Opiumkriege während der 1840er- und 1850er-Jahre: Mit Waffengewalt erzwingt Grossbritannien in China die Legalisierung von Opium und sichert sich damit weiterhin einen lukrativen Absatzmarkt für sein in Indien angebautes Opium. Die Empörung über diese imperialistische Politik, mit der Grossbritannien Gewinn aus «Rauschgift» schlägt, führt in Europa und den USA zu einer Anti-Opium-Bewegung. Es bilden sich politisch schlagkräftige Gruppierungen, die nicht nur die britische Kolonialpolitik anprangern, sondern auch den Opiumkonsum in Grossbritannien selbst unterbinden möchten. In ihren Bestrebungen unterstützt werden sie dabei von der amerikanischen Regierung, die sich moralisch im Recht sieht in ihrem Kampf gegen die schmutzige Machtpolitik der alten, korrupten Kolonialmächte.

USA: Fehlende Regulierung und intensives Marketing
Gleichzeitig hat sich der Gebrauch von Opioiden in den USA mit dem Aufkommen der organischen Chemie im 19. Jahrhundert rasch verbreitet: Während Opium in seiner natürlichen Form bereits nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs populär geworden war, fand nun Kokain unter anderem als Getränkezusatz in Coca-Cola Anwendung, Heroin zur Behandlung von Atemwegserkrankungen und Morphium als Allzweck-Schmerzmittel. Anders als in europäischen Ländern wie Grossbritannien und Preussen, wo das Apothekenrecht die Verfügbarkeit der Substanzen regelte, gab es in vielen Bundesstaaten der USA keinerlei Kontrollen; neue Produkte wurden für den Massenmarkt entwickelt und stark beworben.

Erst um die Jahrhundertwende werden die Gefahren der Abhängigkeit vollumfänglich erkannt; auch stehen erst allmählich neu entwickelte, nicht opioidhaltige Schmerzmittel wie Aspirin, das von Bayer 1899 eingeführt wird, zur Verfügung. Doch viele sind da bereits von Opium abhängig. Zur Behandlung und zur Stabilisierung ihres Zustands erhalten einige Patientinnen und Patienten von Ärzten und in Suchtkliniken im Rahmen der damals in den USA anerkannten Opioid-Agonisten-Therapie weiterhin ihre tägliche Dosis, um keine Entzugserscheinungen zu entwickeln. Ärzte gelten nun jedoch als Mitverursacher einer Opioid-Abhängigkeit und geraten zunehmend ins Visier von Prohibitionsbefürwortern.

Temperance Movement: Mit Moral gegen die Lasterhaftigkeit

Der damalige Zeitgeist ist stark geprägt durch die sogenannte «Temperance Movement» (Mässigung- bzw. Abstinenzbewegung), die im 19. Jahrhundert eine der einflussreichsten Reformbewegungen ist. Anfänglich vor allem in den Branntwein-konsumierenden, protestantischen Ländern in Nordamerika und Europa verbreitet, weitet sich die Bewegung international zu einer grösseren «Anti-Laster-Bewegung» aus. Diese von moralischen Vorstellungen geleitete Bewegung hat sich der Abschaffung der Prostitution, dem Kampf gegen Geschlechtskrankheiten, der Unterdrückung von Unzüchtigkeit verschrieben – sowie dem Verbot eines nicht-medizinischen Gebrauchs von Alkohol und anderen Drogen. In den USA erwirkt die 1893 gegründete «Anti Saloon League» schliesslich eine Alkoholprohibition, die von 1920 bis 1933 dauert, als Präsident Franklin D. Roosevelt sie nach seinem Amtseintritt aufhebt.

Von der «Opiumfrage» zum ersten internationalen Drogenverbotsabkommen

Aus Sicht des Westens gelten China und der gesamte Ferne Osten als Drogenproblemzone. Die erste Kommission, die sich 1909 mit der «Opiumfrage» befasst, findet denn auch in Shanghai statt. Doch schon damals sind es die USA, die die Fäden im Hintergrund ziehen und die kurz darauf in Den Haag eine weitere Konferenz vorbereiten: Mit der Ersten Internationalen Opium-Konvention von 1912 wird die Grundlage für unsere heutige Drogenverbotspolitik gelegt. Auch wenn darin nur Empfehlungen und noch keine rechtlich bindenden Regeln gegeben werden, stösst das Abkommen bei immer mehr Staaten auf Zustimmung und erzielt so eine grosse Wirkung. Die Konferenz fällt in eine Zeit der zunehmenden transnationalen Zusammenarbeit – auch in «nichtpolitischen» Fragen. Dabei steht der Schutz der Bevölkerung gegen einen befürchteten Sittenverfall immer stärker im Fokus und bietet damit eine wesentliche Grundlage für die vielen noch folgenden drogenpolitischen Konferenzen.

Stigmatisierung einer ethnischen Minderheit

In den USA wird derweil gegen chinesische Immigranten Stimmung gemacht. Die als tüchtig geltenden chinesischen Arbeiter sind nach 1850 in grosser Zahl eingewandert. Nach der Fertigstellung des Eisenbahnnetzes werden sie jedoch zunehmend als unwillkommene Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gesehen – auch von konservativen Gewerkschaften, die sich dem Schutz der teuren weissen vor den billigen farbigen Arbeitskräften verschrieben haben. In einer «anti-orientalischen» Kampagne wird die chinesische Minderheit nun systematisch über ihren traditionellen Rauchopium-Konsum stigmatisiert und diskriminiert. So wird 1875 in San Francisco das Rauchen von Opium, ein unter chinesischen Immigranten praktizierter Konsum, untersagt – während andere Konsumformen von Opioiden vorerst erlaubt bleiben. 1887 verbietet der Kongress explizit den Chinesen – nicht aber den Amerikanern – den Import von Opium. Und 1890 wird ein Gesetz erlassen, das die Produktion von Rauchopium exklusiv den Amerikanern vorbehält. 1909 wird der Import von Rauchopium in den USA schliesslich ganz verboten.

Parallel zu diesen gesetzlichen Entwicklungen wird eine «gelbe Gefahr» heraufbeschworen, die die Chinesen für den Sittenverfall verantwortlich macht: In den wildesten Ausschmückungen wird ein Bild von lasterhaften «Opiumhöhlen» gezeichnet. Schon bald gelten die Chinesen in der öffentlichen Wahrnehmung als genauso gefährlich wie das Opium, das sie rauchen, und wie die «Höhlen», in denen sie rauchen

Imagewandel der einstigen Droge der Oberschicht

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändern sich die Bevölkerungsgruppen, die Opioide konsumieren. Bis dahin sind Opioide vorwiegend in der Mittel- und Oberschicht gespritzt worden. Da der Konsum hier diskret und in medikalisierter Form erfolgt und es sich bei den Konsumierenden um Gutsituierte handelt, sah der Staat keinen Anlass, um gesetzgeberisch dagegen vorzugehen (im starken Gegensatz zur Hetze, die gegen Opiumrauchende Chinesen betrieben wird). Doch jetzt sind es immer mehr auch Jugendliche aus Subkulturen, die in amerikanischen Grossstädten Morphium konsumieren. Das führt zu einem radikalen Imagewandel der Droge: Morphium steht plötzlich für gescheiterte, problembelastete Existenzen am Rande der Gesellschaft. Drogenkonsumierende werden nun als «geisteskrank» und potenziell gefährlich angesehen – auch vom Grossteil der Mediziner. Jene Ärzte hingegen, die ihren Patientinnen und Patienten im Rahmen der Opioid-Agonisten-Therapie weiterhin Opiate verschreiben, werden ab jetzt hart bestraft. Damit wird fortan ein repressiver und diskriminierender Ansatz verfolgt, bei dem Konsumierende marginalisiert und verfolgt werden und in den Zuständigkeitsbereich von Polizei und Justiz fallen.


Quelle:
Courtwright, David T. (2012): A Short History of Drug Policy or Why We Make War on Some Drugs but not on Others
Musto, David F. (1991): Opium, Cocaine and Marijuana in American History
Tanner, Jakob (1992): Daten zur Geschichte der Betäubungsmittelgesetzgebung
Tanner, Jakob (2009): Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert

Kokain

Rassismus als Treiber für die Drogenverbotspolitik

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Während des Ersten Weltkriegs steigt die Nachfrage nach Alkaloiden – Morphium, Heroin und Kokain – massiv an und führt bei der chemischen Industrie zu einer Hochkonjunktur. Nach Ende des Krieges suchen sich die Pharmaunternehmen neue Absatzmärkte, unter anderem auch in Kolonien wie China und Nordafrika. Der neu gegründete Völkerbund (Vorläufer der UNO) ist nun zuständig für die «Rauschgiftproblematik» und beruft 1924/25 in Genf zwei weitere internationale Opium-Konferenz ein. Grossbritannien, das bestrebt ist von seinen kolonialen Opiumproblemen in China abzulenken, mobilisiert nun gegen die mitteleuropäischen Pharmanationen – insbesondere gegen Deutschland und die Schweiz – und beschuldigt diese, mit der massenhaften Produktion von Alkaloiden ein neues Drogenproblem verursacht zu haben. Die USA bringen den Vorschlag ein, die Produktion und medizinische Anwendung von Heroin gänzlich zu verbieten, wogegen sich jedoch die französischen und englischen Ärzte aussprechen. Im Genfer Abkommen, das schliesslich verabschiedet wird, werden Produktion und Export von Heroin einer strikten Kontrolle unterstellt – doch das Abkommen bietet zahlreiche Umgehungsmöglichkeiten und ermöglicht dadurch weiterhin die Produktion von Morphium, Heroin und Kokain. Gleichzeitig folgen jedoch immer mehr Länder dem Beispiel der USA, wo bereits 1914 durch den Harrison Narcotic Act der freie Verkauf von Opiaten und Kokain verboten worden ist.

Rassistische Medienkampagnen: Verknüpfung von Kokainkonsum mit Verbrechen
In den USA wird der Kokainkonsum zu der Zeit vorwiegend mit afroamerikanischen Männern assoziiert. Nachdem die Sklaverei abgeschafft worden ist, sind insbesondere die Südstaaten noch immer stark rassistisch geprägt. Medien zeichnen dort das Bild des schwarzen Mannes, der unter Drogeneinfluss gewalttätig und übergriffig wird – und sich gegen die weisse Bevölkerung richtet. In Kongressanhörungen sagen «Experten» aus, dass «most of the attacks upon white women of the South are the direct result of a cocaine-crazed Negro brain» («die meisten sexuellen Übergriffe auf weisse Frauen in den Südstaaten sind das direkte Resultat des mit Kokain verseuchten Negerhirns»). Zudem würden schwarze Männer aufgrund ihres Kokainkonsums praktisch unverwundbar werden. Dieser haarsträubende Mythos dient indes als Grund, um die Polizei in den Südstaaten mit grösseren Waffen auszustatten. Auch die New York Times schreckt vor Rassismus nicht zurück, als sie 1914 titelt: «Negro Cocaine 'Fiends' Are a New Southern Menace» («Schwarze Kokainteufel sind eine neue Bedrohung im Süden»). Mit solch rassistischer, immer wieder kolportierter Propaganda, die eine Verknüpfung von abscheulichen Verbrechen mit dem Kokainkonsum von Schwarzen macht, helfen die Medien 1914 mit, den Harrison Narcotic Act zu verabschieden, und prägen damit entscheidend die amerikanische Drogenpolitik.

Diskriminierung zwischen dem Konsum von Crack und Pulverkokain
Die rassistische Handhabe setzt sich noch Jahrzehnte später fort, als in den USA 1986 eine gesetzliche Unterscheidung zwischen dem Konsum von Crack und jenem von Pulverkokain gemacht wird: Die Strafen bei ersterem sind 100 Mal höher als bei letzterem. Während das Pulver insbesondere bei Weissen verbreitet ist, wird Crack vor allem in der schwarzen Bevölkerung konsumiert. Diese eklatante Ungleichbehandlung wird erst im Jahr 2010 zumindest teilweise revidiert, als Präsident Obama ein Gesetz erlässt, das die Diskrepanz bei der Bestrafung von 100:1 auf nunmehr 18:1 verringert.

Quellen:
Hart, Carl L. (2014): How the Myth of the “Negro Cocaine Fiend” Helped Shape American Drug Policy
Musto, David F. (1991): Opium, Cocaine and Marijuana in American History
Ryser, Daniel; Würgler, Olivier (2018): 1.7 Kilo pro Tag – der Zürcher Kokain-Report (WOZ-Beilage)
Tanner, Jakob (2009): Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert

Cannabis

Verteufelung als «Killerdroge»

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Mit dem Genfer Abkommen von 1925 gerät auch Cannabis auf die Liste der verbotenen Substanzen. Wieder sind die USA treibende Kraft. In den 1920er-Jahren wurde die Praxis des Cannabisrauchens von mexikanischen Einwanderern in die USA gebracht und schon bald auch von weissen und schwarzen Jazzmusikern übernommen. Nun wird mit hetzerischer Propaganda gegen die mexikanischen Einwanderer Stimmung gemacht. Im Zuge der Grossen Depression während der 1930er-Jahre verschärft sich der Tonfall: Die Medien berichten von einer neuen, heimtückischen Bedrohung von gigantischem Ausmass. Marihuana wird als «Killerdroge» verteufelt und die mexikanischen Konsumierenden als kaltblütige, mordende Monstren dämonisiert.

Der Chef des Bureau of Narcotics, Harry J. Anslinger, füttert die Medien dazu mit den wildesten und häufig frei erfundenen Horrorgeschichten. Auszug aus einer auf ihn zurückgehenden Meldung, die den Titel «Morde durch die Mörderdroge überfluten die USA» trägt und die in 56 Zeitungen nachgedruckt worden ist: «Schockierende Gewaltverbrechen nehmen zu. Metzeleien, grausame Verstümmelungen, Verunstaltungen, kaltblütig durchgeführt, als würde ein hässliches Monstrum in unserem Lande umgehen. (...) Diejenigen, die süchtig nach Marihuana sind, verlieren nach einem anfänglichen Gefühl von Lustlosigkeit bald jegliche Hemmung. Sie werden zu bestialischen Dämonen, voll irrer Lust zu töten.» Auf Anslinger geht auch die sogenannte «Einstiegsdrogen-Theorie» zurück, gemäss der Cannabis-Konsumierende früher oder später unweigerlich zu härteren Drogen wechseln, insbesondere zu Heroin – eine These, die keine empirische Grundlage hat.

Die Kampagne gegen Cannabis wird mit dem Ende der Alkoholprohibition 1933 noch intensiviert: Um das Fortbestehen seiner erst drei Jahre zuvor zwecks Überwachung des Alkoholverbots gegründeten Behörde sicherzustellen, setzt Anslinger, Chef des Bureau of Narcotics, nun etliche der Alkoholfahnder neu auf Cannabis an – und verfolgt mit der von ihm geführten Anti-Cannabis-Kampagne somit seine ganz eigenen Interessen. 1937 erreicht Anslinger sein Ziel: Der Marihuana Tax Act wird erlassen. Damit erhält die Regierung die Kontrolle über den Vertrieb und generiert Steuereinnahmen. Die sogenannte «Tax Stamp», die dabei als Lizenz dient, wird privaten Bürgern nie zugänglich gemacht.

Auch Europa schliesst sich der Verteufelung von Cannabis an – obschon die Droge noch kaum verbreitet ist. So werden 1951 in der Schweiz im Rahmen einer Betäubungsmittelgesetzrevision die Bestimmungen auch auf Cannabis ausgeweitet. Sowohl in den USA als auch in Europa nimmt der Cannabiskonsum jedoch erst ab den 1960er-Jahren infolge der Jugendbewegungen zu.

1961 wird mit dem Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel das noch heute massgebende und wichtigste Vertragswerk in der internationalen Drogenpolitik abgeschlossen, das damit alle bestehenden Abkommen ersetzt. Die Unterzeichner-Staaten verpflichten sich, Gewinnung, Produktion, Ein- und Ausfuhr sowie die Verteilung, Verwendung und den Besitz von Betäubungsmitteln rigoros zu kontrollieren und gegen Verstösse vorzugehen.


Quellen:
Musto, David F. (1991): Opium, Cocaine and Marijuana in American History
Staples, Brent (2014): The Federal Marijuana Ban Is Rooted in Myth and Xenophobia
Tanner, Jakob (1992): Daten zur Geschichte der Betäubungsmittelgesetzgebung
Tanner, Jakob (2009): Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert

LSD

Rebellion gegen das Establishment

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Halluzinogene, bewusstseinserweiternde Drogen sind die Begleiter in Kulturkampf und Rebellion gegen das Establishment und spielen für das Zugehörigkeitsgefühl im subkulturellen Underground eine wichtige Rolle. Die Drogen werden damit zum Symbol für die gesellschaftskritische 1968er-Bewegung – und zum Feindbild konservativer Kreise. Der US-Präsident Richard Nixon erklärt 1971 das Rauschgift zum «Staatsfeind Nr. 1» und ruft den «war on drugs» aus. Mit repressiver Härte reagieren die Staaten auf die sich seit den 1970er-Jahren bildenden Drogenszenen, womit sie der Verelendung Vorschub leisten. Dabei dienen die sie bevölkernden Jugendlichen medial als abschreckende Negativikonen, die «vom Pfad der Tugend» abgewichen sind.

Das Einheitsabkommen von 1961 ist aufgrund dieser gesellschaftlichen Entwicklungen bereits wieder überholt. So werden 1971 mit einer weiteren Konvention auch psychotrope Substanzen wie LSD und Ecstasy verboten. 1972 wird eine weitere gesetzliche Verschärfung vorgenommen, um der gefühlten «Drogenwelle» und neuen Designerdrogen Einhalt zu gebieten.


Quelle:
Tanner, Jakob (1992): Daten zur Geschichte der Betäubungsmittelgesetzgebung
Tanner, Jakob (2009): Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert

Die Drogenkrise des 16. und 17. Jahrhunderts

Auch Substanzen, die wir heute ganz selbstverständlich konsumieren, waren im Verlaufe der Zeit heftigen Kontroversen ausgesetzt. Eine der unruhigsten Perioden stellten dabei das 16. und 17. Jahrhundert dar, als mit Tabak und Kaffee neuartige Substanzen nach Europa gelangten, nachdem Bier und Wein jahrhundertelang die einzigen Genuss- und Rauschmittel gewesen waren. Mit der Destillation wurde zudem hochprozentiger Alkohol günstig verfügbar. Diese Entwicklungen bedeuteten eine Zäsur in der westlichen Drogengeschichte. Die Ablehnung, die den neuen Genussmitteln damals entgegenschlug, war politisch als auch wirtschaftlich begründet.

Alkohol

Das Jahrhundert der Trinkerei und Völlerei

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In den germanischen Ländern gilt das 16. Jahrhundert als die Epoche der Trinkerei und Völlerei ein. Ein Grund für das veränderte Trinkverhalten ist, dass sich die Destillation als kommerzielle Industrie in Europa etabliert: Somit kann der Alkoholgehalt von 14% auf 50% gesteigert werden. Der daraus resultierende Branntwein ist leicht und günstig verfügbar – und mit ihm der Rausch. Mit den unterschiedlichsten Massnahmen wird versucht, der um sich greifenden «Trunksucht» beizukommen: So werden 1546 im calvinistischen Genf strenge Strafen verhängt und anstelle von Kneipen Herbergen eröffnet, wo nur bewirtet wird, wer auch nach dem Trinken noch ein Tischgebet sprechen kann. In England wird Trunkenheit 1606 zu einem Verbrechen erklärt.


Quelle:
Austin, Gregory (1982): Die europäische Drogenkrise des 16. und 17. Jahrhunderts

Tabak

Vom Luxusgut zur grössten Drogenepidemie

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Von den Seefahrern aus Amerika importiert, gilt Tabak anfänglich als Allheilmittel. Zunächst noch ein höchst exklusives Luxusgut, verbreitet sich der Konsum jedoch rasch in allen Gesellschaftsschichten, als er günstiger verfügbar wird – und führt damit im 17. Jahrhundert zur bislang grössten Drogenepidemie der Geschichte. Besonders heftig fällt der Widerstand gegen das neue Genussmittel in England aus. König Jakob I. verurteilt den Tabakkonsum als Sünde und wirft den Rauchern vor, den nationalen Wohlstand zu gefährden: Englands Handelsbilanz gerät aus dem Lot, da der Hauptfeind Spanien das Monopol auf den Tabakimport hält.


Quelle:
Austin, Gregory (1982): Die europäische Drogenkrise des 16. und 17. Jahrhunderts

Kaffee

Der «drink of democracy» als radikalstes Getränk

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Mit der Einfuhr von Kaffee erhält die Alkoholindustrie in Europa scharfe Konkurrenz – Kaffeehäuser sind die ersten Einrichtungen, in denen nicht alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Kaffee wird zum Modegetränk der besseren Gesellschaft und entsprechend erbittert von den Bierhändlern bekämpft. Die Kaffeehäuser werden zudem auch als politische Unruheherde gefürchtet: Sie sind Versammlungsorte für Studenten und Intellektuelle, die die politischen und sozialen Zustände debattieren. Der «drink of democracy» schärfe den Verstand – und ist damit den Obrigkeiten ein Dorn im Auge. 1675 versucht König Karl II. von England deshalb, die Kaffeehäuser abzuschaffen, um so seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Auch in Zürich wird zeitweise «das Trincken von Café by zwänzig Bazen Buss» bestraft. Gar die Todesstrafe droht damals in der Türkei beim Besuch eines Kaffeehauses.


Quellen:
Austin, Gregory (1982): Die europäische Drogenkrise des 16. und 17. Jahrhunderts
Knuchel, Ernst (03.08.2011): Als Kaffee trinken «zwänzig Bazen» Busse kostete
Neue Luzerner Zeitung (28.09.2012): «Kaffee war lange Zeit verboten»
Tages-Anzeiger (18.04.2010): Als man das Café Odeon noch Schwartenmagen nannte

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