JA zur Initiative
«Kinder ohne Tabak»!

Am 13. Februar 2022 haben wir die historische Chance, mit der Annahme der Initiative «Kinder ohne Tabak» unsere Jugend endlich effektiver vor dem Rauchen zu schützen. Die Initiative möchte Tabakwerbung verbieten, die Kinder und Jugendliche erreicht – denn Werbung beeinflusst nachweislich deren Konsumverhalten.
by Julia Kind, 27. January 2022



Die Arud spricht sich deshalb klar für den Verbleib des Alkoholverbots bei der Migros aus, über den die Genosserschafter:innen bis zum 4. Juni 2022 abstimmen können.

Kulturgut Alkohol – Genuss mit Suchtpotential

Alkohol wird seit Menschengedenken als Genuss-, Rausch-, Heil- und Nahrungsmittel gebraucht. Bier, Wein, gebrannte Wasser in unseren Breiten oder Kaktusschnaps und vergorene Stutenmilch anderswo waren und sind Kultur- und Konsumgüter mit symbolischer wie auch ökonomischer Bedeutung. Getrunken wird er um zu geniessen, zu entspannen, um abzuschalten oder zu feiern – Alkohol ist und bleibt ein fester Bestandteil des Lebens, er gehört für viele Menschen einfach dazu. Doch trotz seiner Geschichte und dem Status „legal“ – mit völlig unzureichender Regulierung – gehört Alkohol mit zu den schädlichsten Substanzen.Das Suchtpotential und die Schädlichkeit von Alkohol wird im Vergleich zu anderen psychoaktiven Substanzen oft unterschätzt. Dabei liegt das Suchtpotential von Alkohol nur geringfügig unter dem von Heroin oder Kokain.

Die Fakten sind hinlänglich bekannt: Der Konsum von Tabak ist extrem gesundheitsschädlich – er hat unter allen legalen und illegalen psychoaktiven Substanzen mit das grösste Schadenspotential [1]. 15% aller Todesfälle sind in der Schweiz auf den Tabakkonsum zurückzuführen. Das sind jedes Jahr 9’500 Personen, die an den Folgen des Tabakkonsums sterben [2] – mehr als eine Person jede Stunde. Zu diesem immensen Schadenspotential gesellt sich beim Rauchen das sehr hohe Abhängigkeitspotenzial von Nikotin: So macht der im Tabak enthaltene Wirkstoff Nikotin in ähnlichem Mass abhängig wie Heroin [3] – insbesondere wenn er wie beim Zigarettenrauchen rasch im Hirn anflutet und damit einen «Kick» auslöst. Das hat zur Folge, dass nur wenige Rauchende wieder vom Konsum loskommen: Zwar möchten 60% der Rauchenden damit aufhören [4], doch nur 7 von 100 Personen schaffen es allein; mit professioneller Unterstützung gelingt es immerhin jeder vierten Person [5].

Und trotz alledem: Tabakprodukte dürfen in der Schweiz nach wie vor offensiv beworben werden.

Die Schweiz als Paradies für Tabakfirmen

Mit dieser Laissez-faire-Politik steht die Schweiz europaweit mittlerweile allein da. So landete die Schweiz auf der letztmals 2019 veröffentlichten Tabakkontroll-Skala, die die Umsetzung von nationalen Massnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums überwacht und von den europäischen Krebsligen erhoben wird, auf dem zweitletzten Platz – vor Deutschland [6]. Doch da Deutschland letztes Jahr neue Einschränkungen eingeführt hat, dürfte die Schweiz inzwischen den unrühmlichen letzten Platz belegen. Die Schweiz ist zudem neben Monaco und Andorra das einzige Land in Europa, das die Tabakkonvention der WHO noch nicht ratifiziert hat [7]. Diese Konvention ist bereits 2003 verabschiedet worden und seit 2005 in Kraft und hat zum Ziel, weltweit gültige Rahmenbedingungen für eine wirksame Tabakprävention zu schaffen [8].

Auch im globalen Kontext schneidet die Schweiz miserabel ab: Beim Global Tobacco Index, der den Einfluss der Tabakfirmen auf die nationale Politik bewertet, schnitt von den 80 untersuchten Ländern nur ein Land schlechter als die Schweiz ab – die Dominikanische Republik [9].

Enormer Einfluss der Tabaklobby auf die Politik

Dass die Regulierung in der Schweiz so schwach ist, ist indes kein Zufall: Mit Philip Morris International, British Tobacco und Japan Tobacco International haben sich die grössten Tabakfirmen hier niedergelassen. Entsprechend gross ist ihr Einfluss auf die hiesige Politik. In einer Analyse von Watson zeigt sich, dass mindestens 41 Parlamentarier:innen direkte oder indirekte Verbindungen zur Tabakindustrie haben [10]. Diese breite Allianz aus Politik und ihren Einflüsterern aus Industrie und PR-Branche verhinderte 2016 denn auch ein neues Tabakproduktegesetz, das den Mindestanforderungen der WHO-Tabakkonvention entsprochen hätte, indem sie den ersten Entwurf zurückwies.

Der überarbeitete Gesetzesentwurf, der im Oktober 2021 schliesslich verabschiedet wurde, steht nun als indirekter Gegenvorschlag der Initiative «Kinder ohne Tabak» gegenüber und wird unabhängig vom Ausgang der Abstimmung in Kraft treten [11]. Der Gesetzesentwurf ist bezüglich Werbeverboten allerdings so stark verwässert worden, dass damit auch 20 Jahre nach Unterzeichnung der WHO-Tabakkonvention durch die Schweiz weiterhin keine Ratifizierung möglich wäre, weil die gesetzliche Grundlage dafür weiterhin fehlen würde [12]. Das Tabakproduktegesetz verbietet nämlich in erster Linie diejenige Werbung, die für die Tabakindustrie sowieso nicht mehr interessant respektive bereits jetzt in vielen kantonalen Gesetzen verboten ist.

Hohe Raucherquoten in der Schweiz

Was eine solche verfehlte Tabakpolitik anrichtet, sehen wir an den Zahlen: 27% der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren rauchen – 19% von ihnen täglich, 8% gelegentlich [13]. Dabei beginnt die grosse Mehrheit der Raucher:innen vor ihrem 20. Lebensjahr mit dem Rauchen – also während der vulnerablen Teenagerjahre. Was die Statistik ebenfalls zeigt: Zwar ist die Anzahl der Personen, die rauchen, von 33% im Jahr 2001 inzwischen um 5%-Punkte gesunken. Doch dieser heutige Wert von 27% ist seit 2011 stabil geblieben [14]. Das heisst, dass in den vergangenen 10 Jahren praktisch keine Fortschritte in der Tabakprävention erzielt worden sind! Und in absoluten Zahlen ist aufgrund des Bevölkerungswachstums die Zahl der Rauchenden in der Schweiz gar gestiegen.

Sinkende Raucherzahlen im Ausland

In anderen Ländern hingegen ist dieser Wert dank gezielter Massnahmen deutlich gesunken: In Neuseeland beispielsweise, wo die ersten Präventionsmassnahmen 1984 eingeführt worden sind, sank die Raucherquote in der über 15-jährigen Bevölkerung seither kontinuierlich von ursprünglich 32% auf 13% im Jahr 2020 [15]. In Grossbritannien nahm die Zahl der Rauchenden von 30% im Jahr 1990 auf 14% im Jahr 2019 ab [16]. Selbst Frankreich, das historisch eine hohe Raucherprävalenz aufweist, konnte mit der Einführung von Präventionsmassnahmen wie Werbe- und Sponsoringverboten sowie der Erhöhung der Tabaksteuer die Raucherquote innerhalb von 4 Jahren um 5%-Punkte senken: von 30% im Jahr 2016 auf 25% im Jahr 2020 [17].

Werbeeinschränkungen führen zu weniger Raucher:innen

Diese Länder zeigen klar auf, dass es die Politik mit regulatorischen Massnahmen in der Hand hat, Kinder und Jugendliche vor dem Rauchen zu schützen. Als eine wesentliche Massnahme gilt dabei die Einschränkung von Werbung. Schon vor 20 Jahren hat die Weltbank den Effekt von Werbeverboten auf die Raucherzahlen analysiert und kam zum Ergebnis, dass umfassende Werbeverbote einen bedeutenden Effekt haben [18].

Dass Tabakwerbung einen direkten Bezug hat zur Anzahl Jugendlicher, die mit dem Rauchen beginnen, zeigen auch zahlreiche Studien. Die wissenschaftliche Evidenz hierfür spricht eine ganz klare Sprache [19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26].

Wichtig ist dabei jedoch, dass die Einschränkungen nicht bloss für einzelne Medien gelten, da sich die Werbung sonst einfach in andere Medien verlagert. Genau dieser Effekt lässt sich in der Schweiz beobachten, wo die Werbebudgets in den vergangenen Jahren in den digitalen Raum verschoben worden sind, um dort sehr effektiv auf eine sehr junge Zielgruppe zu treffen [27, 28].

Es sind dabei nicht nur die verheissungsvollen Lifestyle-Versprechungen, die zum Rauchen verführen. Mit jeder geschalteten Werbeanzeige wird unterschwellig immer auch die Botschaft vermittelt, dass das Rauchen – trotz aller Warnungen – halt doch nicht so gefährlich sein könne; sonst würde es ja nicht beworben werden. Denn dass ein solches Produkt beworben werden darf, steht im krassen Widerspruch zu seinem Schadenspotenzial und zum Verständnis des Schutzauftrags eines Staates.

Werberegulierung eines legalen Produktes

Die Gegner der Volksinitiative «Kinder ohne Tabak» argumentieren, dass ein legales Produkt per se frei beworben werden dürfe. Aufgrund des Schadens- und Abhängigkeitspotentials von Tabak – auch im Vergleich zu illegalen Substanzen – dürfte der Handel mit Tabak gar nicht legal sein. [29] Doch dass die Regulierung von psychoaktiven Substanzen über ein Verbot von Handel und Konsum nicht zielführend ist, zeigen verschiedene Beispiele aus der Geschichte. Umso mehr braucht es eine klare Regulierung, um Kinder und Jugendliche vor diesen Gefahren zu schützen!

Tabak muss strenger reguliert werden

Eine Regulierung nach Abhängigkeits- und Schadenspotential bedeutet, dass Tabak deutlich strenger reguliert werden muss als das heute der Fall ist. Denn von Tabak geht ein enorm hohes Schadenspotential aus – sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft [29]. Auch wenn man sich die Kosten anschaut, fällt das Verdikt eindeutig zugunsten stärkeren Präventionsbemühungen aus: So belaufen sich die volkswirtschaftlichen Kosten von Tabak auf 3.9 Milliarden Franken pro Jahr [30].

Die durch die Initiative vorgesehenen Werbeeinschränkungen stellen einen wesentlichen und wichtigen Schritt zu einer besseren und effektiveren Regulierung dar. Eine solche Regulierung ist zudem die notwendige und logische Ergänzung zum Verkaufsverbot für Personen unter 18 Jahren, das mit dem Tabakproduktegesetz eingeführt wird.

Jetzt ist es an uns!

Nun ist es an uns, hier einen Schritt in die richtige Richtung zu machen: Am 13. Februar haben wir es in der Hand, in der Tabakpolitik endlich dem Jugendschutz und der Gesundheit Vorrang zu geben – vor den wirtschaftlichen Interessen der Tabakfirmen und ihren parlamentarischen Söldnern, die eine griffigere Tabakpolitik bislang immer verhindert haben.

Die Arud sagt klar JA zur Initiative «Kinder ohne Tabak» – Sie auch?

Literatur

[1] van Amsterdam J, Opperhuizen A, Koeter M, van den Brink W. Ranking the harm of alcohol, tobacco and illicit drugs for the individual and the population. Eur Addict Res. 2010;16(4):202-7.
[2] Bundesamt für Gesundheit BAG. Zahlen & Fakten: Tabak.
[3] Nutt D, King LA, Saulsbury W, Blakemore C. Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse. Lancet. 2007 Mar 24;369(9566):1047-53.
[4] Sucht Schweiz. Zahlen und Fakten: Tabak-Nikotin.
[5] Cornuz J, Jacot Sadowski I, Humair JP. Ärztliche Rauchstoppberatung. Die Dokumentation für die Praxis. Projekt FREI VON TABAK, Nationales Rauchstopp-Programm, Bern 2015.
[6] Joossens L, Feliu A, Fernandez E. The Tobacco Control Scale 2019 in Europe. Brussels: Association of European Cancer Leagues, Catalan Institute of Oncology; 2020.
[7] Fachverband Sucht. Politische Dossiers: Tabakpolitik.
[8] Bundesamt für Gesundheit BAG. Tabak verursacht jährlich 9500 Todesfälle.
[9] Assunta M. Global Tobacco Industry Interference Index 2021. Global Center for Good Governance in Tobacco Control (GGTC). Bangkok, Thailand. Nov 2021.
[10] Frasch D. Das Tabakland Schweiz – die letzte Bastion der Qualmer droht in Rauch aufzugehen. Watson. 23.01.2022.
[11] Bundesamt für Gesundheit BAG. Tabakproduktegesetz als indirekter Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Kinder und Jugendliche ohne Tabakwerbung».
[12] Fachverband Sucht. Politische Dossiers: Tabakpolitik.
[13] Sucht Schweiz. Zahlen und Fakten: Tabak-Nikotin.
[14] Bundesamt für Gesundheit BAG. Zahlen & Fakten: Tabak.
[15] Ministry of Health. History of Smokefree Aotearoa 2025.
[16] Action on Smoking and Health ash. Smoking Statistics. May 2021.
[17] Statista. Progression of the amount of daily smokers among the French population between 2000 and 2020. July 2021.
[18] World Bank. Der Tabakepidemie Einhalt gebieten – Regierungen und wirtschaftliche Aspekte der Tabakkontrolle. 2003. Heidelberg.
[19] Saffer H, Chaloupka F. The effect of tobacco advertising bans on tobacco consumption. J Health Econ. 2000 Nov;19(6):1117-37.
[20] Lovato C, Watts A, Stead LF. Impact of tobacco advertising and promotion on increasing adolescent smoking behaviours. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 10. Art. No.: CD003439.
[21] Paynter J, Edwards R. The impact of tobacco promotion at the point of sale: a systematic review. Nicotine Tob Res. 2009 Jan;11(1):25-35.
[22] Hanewinkel R, Isensee B, Sargent JD, Morgenstern M. Cigarette advertising and adolescent smoking. Am J Prev Med. 2010 Apr;38(4):359-66.
[23] Hanewinkel R, Isensee B, Sargent JD, Morgenstern M. Cigarette advertising and teen smoking initiation. Pediatrics. 2011 Feb;127(2):e271-8.
[24] Ford A, MacKintosh AM, Moodie C, Kuipers MAG, Hastings GB, Bauld L. Impact of a ban on the open display of tobacco products in retail outlets on never smoking youth in the UK: findings from a repeat cross-sectional survey before, during and after implementation. Tob Control. 2020 May;29(3):282-288.
[25] Haw S, Currie D, Eadie D, Pearce J, MacGrego A, Steas M, et al. The impact of the point of sale tobacco display ban on young people in Scotland: before and after study. Public Health Res 2020;8(1).
[26] Hansen J, Hanewinkel R, Morgenstern M. Electronic cigarette advertising and teen smoking initiation. Addict Behav. 2020 Apr;103:106243.
[27] Curt L. Schleichwege für Tabakwerbung im Internet. Spectra. Ausgabe 95. November 2012.
[28] Emch S. Tabakwerbung: Influencer statt Marlboro Man. SRF – Info3 am Abend. 07.12.2020.
[29] Nutt D, King LA, Saulsbury W, Blakemore C. Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse. Lancet. 2007 Mar 24;369(9566):1047-53.
[30] Bundesamt für Gesundheit BAG. Zahlen & Fakten: Tabak.

Julia Kind
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