28. November 2016  |  Medienmitteilungen

Fakten und Forderungen statt Pauken und Trompeten

Das Elend der offenen Zürcher Drogenszene war Anfang der 1990er-Jahre weltweit als «Needle Park» bekannt. Unter diesem Eindruck gründeten am 30. November 1991 eine Handvoll Ärzte eine Pionierorganisation: die Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen – heute Arud Zentren für Suchtmedizin. Seit 25 Jahren setzt sich die Arud für Menschen ein, deren Suchtverhalten oder Substanzkonsum problematisch ist, von Alkohol bis Zolpidem. Zum Jubiläum hat sie nun ihre «Leitgedanken für einen vernünftigen Umgang mit Sucht» veröffentlicht – denn der Handlungsbedarf ist unvermindert hoch.

Wegbereitende der Schweizer Suchtpolitik von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss bis zum Wissenschaftler Ambros Uchtenhagen bezeugen es: Mit ihrer Arbeit hat die Arud wesentlich zu den Fortschritten in den von der Heroinepidemie geprägten 1990er Jahren beigetragen. Sie hat als erste niederschwellige Institution die Gesundheit ins Zentrum gerückt, statt auszugrenzen. 1992 führte sie – ein Novum in der Schweiz –niederschwellige methadongestützte Behandlungen für Heroinabhängige durch, gefolgt von heroingestützten Behandlungen. Schon 1996 hat sie aufgezeigt, dass neu entwickelte medikamentöse Behandlungen für HIV-Erkrankungen mit demselben Erfolg bei Drogenabhängigen durchgeführt werden können. Und sie hat auf die alarmierende Ausbreitung von Hepatitis C unter Drogenabhängigen aufmerksam gemacht.

Entkriminalisierung und adäquate Regulierung

Entkriminalisierung, angemessene Regulierung aller legalen und illegalen Substanzen und ein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhender Ansatz im Umgang mit Suchtmitteln – darin besteht das Engagement der Arud, damals wie heute. Denn auch wenn sich das Suchtverhalten hin zu Party- und Designerdrogen verändert hat: Eine suchtmittelfreie Gesellschaft ist eine Utopie.

Deshalb hat die Arud aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens zwölf «Leitgedanken» formuliert, in denen sie für pragmatische Lösungsansätze eintritt. «Es muss wieder Bewegung in die Schweizer Suchtpolitik kommen. Die Solidarität mit Schwachen nimmt ab, Stigmatisierung und Ausgrenzung von Suchtkranken nehmen hingegen zu», sagt Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie und Mitglied der Geschäftsleitung. «Umso wichtiger wird unser Einsatz für eine sinnvolle Integration des Gebrauchs aller Substanzen.» Gerade im Zeitalter des Internets ist umfassende Kontrolle unmöglich. Daher fordert die Arud ein adäquate Regulierung aller Substanzen, um damit verstärkt auf Qualitätskontrolle und Information zu setzen – und auf eine neue Balance zwischen staatlicher Kontrolle und persönlicher Freiheit, abseits aller ideologischen Standpunkte.

Für weiteren Fort- statt Rückschritt

Tatsächlich ist mit der Einführung der Viersäulenpolitik des Bundes (Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression) nicht nur die offene Drogenszene aus Zürich verschwunden, sondern auch das Thema Sucht aus dem Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung. Nach wie vor investiert die Schweiz den grössten Teil ihrer Mittel in die Repression, während Länder wie Portugal und Uruguay oder die US-Bundesstaaten Washington und Colorado die Pionierrolle übernommen haben. Die Arud setzt sich dafür ein, dass das einst wegweisende Viersäulenmodell weiterentwickelt und ein möglichst risikoarmer Konsum psychotroper Substanzen wieder zum Thema wird – statt einen «Krieg gegen Drogen» zu führen, der nicht zu gewinnen ist.

Sei es in Forschung oder Praxis, in der Fortbildung angehender Fachärztinnen und Fachärzte oder der Entwicklung immer neuer Angebote wie einer Konsumtagebuch-App: Das Ziel der 130 Arud-Mitarbeitenden in Zürich und Horgen ist es, die negativen Auswirkungen des Konsums auf die Betroffenen, deren Familie und Umfeld zu mindern. Durch einen vernünftigen, auf dem tatsächlichen Schadenspotenzial der Substanzen beruhenden Umgang mit dem Thema Sucht. Im Vordergrund stehen, heute wie vor 25 Jahren, die Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen.

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