26. Februar 2021  |  Medienmitteilung

Suchtmediziner fordern den Einsatz von E-Zigaretten im Kampf gegen das Rauchen

Die Wissenschaft ist sich einig: E-Zigaretten sind deutlich weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten und stellen eine mögliche Ausstiegshilfe vom Rauchen dar – eine Tatsache, die noch viel zu wenig bekannt ist. Es sollte die Aufgabe von öffentlichen Kampagnen sein, diese Information zu vermitteln – und nicht von kommerzieller Werbung.

Am Arud-Symposium zu «Schadensminderung durch E-Zigaretten» haben sich über 160 TeilnehmerInnen aus Medizin, Prävention, Wirtschaft und der Vaper-Community mit den neusten wissenschaftlichen Fakten auseinandergesetzt.

Kontroverse um «harm reduction» beim Rauchen

Die Rolle von E-Zigaretten in der Rauchentwöhnung wird in der Gesundheitspolitik und in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite steht die Befürchtung, dass der Jugendschutz im Tabakbereich untergraben wird. Auf der anderen Seite wird der schadensmindernde Effekt von E-Zigaretten gegenüber herkömmlichen Zigaretten ins Feld geführt. Schadensminderung – oder ‘harm reduction’, wie es im Englischen heisst – sei ein essentieller, evidenzbasierter Bestandteil in der Suchtmedizin, wie PD Dr. Philip Bruggmann, Chefarzt bei der Arud, erklärt. «Das Ziel ist, die negativen Konsequenzen des Konsums bei Menschen, für die eine Abstinenz nicht erreichbar ist, soweit wie möglich zu minimieren. Harm reduction ist dabei nicht harm elimination.»

Studien zeigen: E-Zigaretten meist effektiver als Nikotinpflaster

Jamie Hartmann-Boyce von der Universität Oxford stellte ihre neuste Cochrane-Analyse vor: Nikotin-haltige E-Zigaretten können bei der Rauchentwöhnung helfen und zwar ohne erhebliche gesundheitliche Risiken – und tendenziell besser als Nikotinersatzprodukte aus der Apotheke. Doch diese Information über den schadensmindernden Effekt von E-Zigaretten sei sowohl bei Rauchenden als auch bei MedizinerIinnen viel zu wenig bekannt, gibt Prof. Heino Stöver von der Frankfurt University of Applied Sciences mit den von ihm präsentierten Studiendaten zu bedenken. Stöver fordert daher dringend mehr Aufklärung, dass nicht das Nikotin an sich schädlich sei, sondern der Rauch, der beim Zigaretten-verbrennen entsteht.

Preise setzen falsche Anreize

Prof. Reto Auer von der Uni Bern, der aktuell mit ESTxENDS eine nationale Studie zu E-Zigaretten beim Rauchstopp leitet, machte auf die falschen Anreize bei der Preisgestaltung von nikotinhaltigen Produk-ten aufmerksam: Obwohl auf Nikotinersatzprodukte bislang keine Steuern erhoben werden, kosten sie gleich viel wie herkömmliche Zigaretten, deren Preise sich zur Hälfte aus der Tabaksteuer zusam-mensetzen. Im Gegensatz dazu macht die Tabaksteuer bei Tabaktoastern (sogenannten Tabakerhit-zungsprodukten, wie z.B. IQOS) nur 12% des Preises aus. Dennoch sind diese Produkte, die aktuell von der Tabakindustrie stark beworben werden, gleich teuer wie herkömmliche Zigaretten. Entsprechend verdient die Tabakindustrie an diesen neuen Produkten überproportional gut.

E-Zigarette bietet auch Ersatz fürs Ritual des Rauchens

Nach 45 Jahren hat der 59-jährige Andi Hüttenmoser im Rahmen seiner Teilnahme an der ESTxENDS-Studie mit dem Rauchen aufgehört. Ein wesentlicher Aspekt des Erfolgs für ihn: «Die E-Zigarette er-setzt auch das Ritual, was einen nicht unerheblichen Teil des Suchtverhaltens bei herkömmlichen Zigaretten ausmacht», so Hüttenmoser. Seit dem Rauchstopp habe er keinen Husten mehr und könne besser atmen. Sein Ziel sei es, längerfristig ganz wegzukommen vom Nikotin; die Dosis hat er bereits reduziert.

Gerne stehen wir Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung:

  • PD Dr. med. Philip Bruggmann, Arud Zentrum für Suchtmedizin: 079 322 70 00
  • Andreas Hüttenmoser, Ex-Raucher: 058 360 51 85
  • Prof. Reto Auer, Institut für Hausarztmedizin Bern, Studienleiter ESTxENDS: 031 631 58 79
  • Prof. Heino Stöver, Frankfurt University of Applied Sciences: +49 162 133 45 33

30-jähriges Jubiläum der Arud

Die Arud wurde 1991, während der Zeit der offenen Drogenszenen, von engagierten Ärzten auf pri-vate Initiative in Zürich gegründet. Seither wurden das Angebot und die Tätigkeitsfelder kontinuierlich weiterentwickelt, auch in den Bereich Rauchentwöhnung – 30 Jahre später ist die Arud eine der füh-renden Institutionen in der Suchtmedizin und im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung. In ihrem integrierten, umfassenden Versorgungsansatz mit den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Allgemeine Innere Medizin, Infektiologie und Sozialarbeit lässt sich die Arud von den Prinzipien der «harm reduction» leiten. Stets stehen dabei die PatientInnen im Mittelpunkt, um Angebote zu schaf-fen, die ihren Bedürfnissen entsprechen und leicht zugänglich sind. Dass dazu auch politisches Enga-gement notwendig ist, zeigt die 30-jährige Geschichte der Arud.

Die Arud fordert, dass das Abstinenzparadigma auch bei der Nikotinabhängigkeit fallengelassen wird und die Schadensminderung einen relevanten Platz in der Rauchentwöhnung einnimmt.

Für Auskünfte:

Julia Kind
Leiterin Politik + Kommunikation 058 360 50 00 mail arud@arud.ch